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Serie Slow Travel (Teil I): Mit dem Nachtzug nach Budapest

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Am 20. September steige ich am Züricher Hauptbahnhof um 19.25 Uhr aus meinem Zug aus Stuttgart. Es ist Oktoberfestzeit und man hört schon den Lärm der Züricher Oktoberfestversion, während aus den Lautsprechern am Gleis von einer scheppernden Frauenstimme die nächsten Verbindungen durchgesagt werden. Ich kämpfe mich mühsam durch die Menschenmassen bis zum Treffpunkt mit meinem Freund.

Wir nutzen die 3 Stunden bis zur Einstiegszeit in unseren Nachtzug nach Budapest, um bei einem indischen Buffet-Restaurant einige Samosas und andere Köstlichkeiten zu Abend zu essen.

Gegen 21 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Bahngleis. Unser Nachtzug wartet schon. Man sieht den Zugwaggons an, dass sie wahrscheinlich in den 60er oder 70er Jahren gebaut wurden. Heutzutage baut keiner mehr Schlafwaggons. Zu teuer, und die Nachfrage nach Nachtzügen ist in den letzten Jahrzehnten ähnlich gering gewesen. Denn Nachtzugfahren gilt nicht als hip. Angesichts dessen, dass man innerhalb Europas mit diversen Billigfliegern für unter 30 Euro sehr bequem und in deutlich kürzerer Zeit reisen kann, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Wir haben für unser Ticket im Nachtzug von Zürich nach Budapest pro Person etwa 90 Euro gezahlt. Das geht auch günstiger, wenn man nicht wie wir im 2er-Abteil schläft, sondern sich ein 6er-Abteil mit anderen teilt. Doch so günstig wie die Billigflieger sind Nachtzüge nicht.

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Die Rechnung geht natürlich nur auf, solange man nicht die Belastung für die Umwelt in die eigene Rechnung miteinbezieht. Tatsächlich sind die Umweltbelastungen durch den Flugverkehr so gravierend, dass sie einen maßgeblichen Anteil zum Klimawandel beitragen. Die Kosten für die Umweltschäden tragen andere. Das sind insbesondere zukünftige Generationen, denen wir es mit unserem Verhalten verwehren, auf einem ähnlich angenehmen Planeten zu leben. Und es sind all diejenigen, zumeist in Entwicklungsländern lebenden, Menschen, die wegen der Ausweitung von Wüsten oder den vermehrten Dürren oder Überschwemmungen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und in ferne Länder zu migrieren.

Wir suchen unser Zugticket im Rucksack. Als begeisterter Nutzer von Bahn-Apps und digitalen Lösungen kommt mir das ganz schön altmodisch vor, ein ausgedrucktes Ticket mit dabei zu haben. Wir entziffern gemeinsam unseren Waggon und unsere Betten. 2. Klasse, Waggon 129, Bett Nummer 46 und 48. Mit unseren Trolleys laufen wir an den Waggons der ersten Klasse vorbei und steigen in den zweiten Waggon der zweiten Klasse. An der Tür kommt uns der Zugbegleiter entgegen und grüßt uns mit einem unverkennbaren ungarischen Akzent. Wir laufen durch den engen Zuggang und suchen auf den blauen Schildchen mit weißer Schrift das richtige Abteil.

Die Betten in unserem Abteil sind schon ausgeklappt und mit frischen Laken bezogen. Zwei übereinander angeordnete Einzelbetten mit nicht sehr dicken Matratzen. In das obere Bett gelangt man über eine schmale Leiter.

Mein Freund besetzt sofort das untere Bett. Das stört mich nicht weiter. Ich bin es von meinen Backpacking-Trips durch Asien und Südamerika gewohnt, im oberen Bett zu schlafen.

Nachdem der Zug Fahrt aufgenommen hat, kommt der Schaffner in unserem Abteil vorbei und grüßt uns ein zweites mal. Wir geben ihm unsere Fahrkarte und werden gefragt, was wir gerne zum Frühstück trinken möchten. Er notiert sich unseren Wunsch nach Kaffee und wir vereinbaren, dass er uns gegen 8 Uhr wecken wird, um das Frühstück vorbeizubringen. Ich stelle mir vorsichtshalber dennoch den Handywecker auf 7.30 Uhr, weil ich und mein Freund beide mit Ohrstöpseln schlafen und ich Angst habe, dass wir das Klopfen am Morgen nicht hören könnten.

Wir stoßen mit zwei Dosen Bier an, das wir uns in Zürich noch in einem Kiosk gekauft haben, und sehen vor dem Fenster einen See im Mondlicht an uns vorbeiziehen. Schließlich putzen wir uns an dem kleinen Waschbecken in unserem Abteil die Zähne und machen es uns so gut es geht in unseren Betten bequem.

Wir schlafen beide unruhig, weil der Zug während der Fahrt stetig holpert und vibriert. Immer wieder wecken uns die ruckartigen Bewegungen des Zuges auf, wenn dieser über Weichen fährt und die Schienen wechselt.

Als mein Wecker um 7.30 Uhr klingelt, fühle ich mich völlig gerädert. Ich klettere die Leiter hinunter und öffne die Blende unseres großen Fensters etwas. Der Blick nach draußen macht die ungute Nacht ein bisschen wett. Die aufgehende Morgensonne taucht die vorbeiziehende Landschaft in einen warmen Orangeton. Draußen wechseln sich Äcker und kleinen Wäldchen, Wiesen und Landstraßen ab. Wir fahren durch das ländliche Ungarn.

Ich kuschle mich nochmal zu meinem Freund unter die Bettdecke und gemeinsam warten wir auf den Schaffner. Ziemlich pünktlich – um 8.04 Uhr – klopft es an unserer Tür. Ich öffne und mir wird ein Tablett mit zwei Sandwiches, zwei kleinen Kartons Hohes C Orangensaft, und zwei Bechern Kaffee gereicht. Kleine Päckchen mit Zucker und Kaffeesahne sind auch mit dabei.

Wir setzen uns im Schneidersitz auf das untere Bett und nehmen dankbar die warmen Kaffeebecher in die Hände. Gesprächig sind wir an diesem Morgen nicht, doch es macht Spaß, der Landschaft und der heller werdenden Sonne draußen zuzusehen. Wir popeln den Schinken aus den Sandwiches, weil wir beide Vegetarier sind, und essen die ziemlich trockenen Brote. Es ist nicht das beste Frühstück, dass wir je hatten. Aber immerhin gibt es Kaffee.

Einige Minuten vor unserer geplanten Ankunftszeit erreicht unser Zug Budapest-Keleti. Also packen wir unsere Sachen zusammen, stopfen unsere Zahnbürsten wieder in unsere Kulturbeutel und diese in unsere Trolleys, schauen nochmal auf und unter allen Betten nach, dass wir nichts vergessen haben, und verlassen den Zug. In Budapest scheint die Sonne und wir haben einen wunderschönen Tag vor uns.

Nachtzug fahren mag nicht so bequem sein wie das Fliegen, aber es ist eine wunderschöne Art zu reisen. Ich bin seit Jahren ein Fan davon und mache jedes Jahr mindestens eine Städtereise mit dem Nachtzug. Es ist eine langsame Art zu reisen, aber man bekommt ein besseres Gefühl dafür, welche Distanzen man zurücklegt. Und es ist ein schönes Gefühl, abends in den Zug zu sitzen und am nächsten Tag an einem anderen Ort aufzuwachen.

Weitere Nachtzüge, mit denen ich schon gereist bin, waren von München nach Venedig und von München nach Budapest. Bei der Buchung sollte man darauf achten, dies möglichst 2-3 Monate im Voraus zu tun, da die Nachtzüge schnell ausgebucht sind und die Tickets günstiger sind, je früher man sie bucht.

Seid ihr auch schonmal mit dem Zug auf Städtereise gegangen? Erzählt doch mal eure Geschichte unten in den Kommentaren oder auch auf unserer Facebook-Seite!

Wenn ihr Tipps rund ums Nachtzugfahren braucht, könnt ihr mich gerne bei der Neuröffnung unseres neuen Reisebüros am 27. und 28. Oktober ansprechen.

Eure Sarina

Sarina Schiffner
Sarina Schiffner
Ich bin Individualistin. Meine Reisen mache ich am liebsten mit dem Mietwagen. Außerdem wohne ich lieber in kleinen Ferienwohnungen und Landgasthöfen als in anonymen Hotels. Ich lebe vegetarisch/vegan und gehe hin und wieder gerne alleine auf Reisen.

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